Bus–Stollen–Halltal – Busfahren und Arbeiten im Austrofaschismus

Vor 90 Jahren im offenen Postbus vom Boznerplatz in Innsbruck bis zum Herrenhaus und retour – Bürgersgattinnen und -gatten mit und ohne Schoßhund zahlten dafür stolze 7,50 Schilling. Die Hinfahrt dauerte eine Stunde und zehn Minuten, die Rückfahrt dauerte zehn Minuten weniger. Im Halltal waren für die Führung im Salzbergwerk inklusive 60 Meter langer Rutsch-Fahrt im Schurf dann noch einmal 2,50 Schilling fällig. Die wenige Kilometer weiter östlich beim Thaurer Fuchsloch seit November 1933 nicht ganz freiwillig im Freiwilligen Arbeitsdienst F.A.D. Schuftenden verdienten real 60 Groschen pro Arbeitstag. Sie sollten für ein Taschengeld und Zigaretten im Wert von 10 Groschen den so genannten Dr. Karl-Buresch-Stollen rund drei Kilometer von Thaur Richtung Salzberg in den Berg vortreiben, um dort eine 50-cm-Schmalspur-Grubenbahn einzubauen, mit der man zu einem rund 700 Meter hinauf ins Halltal führenden Schacht gelangen konnte. Während also das Bürgertum mit Kind und Hund und Kegel im offenen Postauto durch das als wildromantische „Heimat“ inszenierte Halltal kutschiert wurde, sollten die Salzberger ab Mitte der 1930er Jahre von Thaur aus – den Naturgewalten im Halltal ausweichend – mit einer Grubenbahn und einem Schachtaufzug zu ihrem Arbeitsplatz im Salzberg fahren.

Als auf den Baustellen in Thaur 1936 schon Schluss war und nur sechs der dort drei Jahre schuftenden Billigstarbeitskräfte in die Saline übernommen wurden, fuhr das gehobene Bürgertum immer noch mit Kind und Hund per Postauto ins Halltal. Foto: Archiv Sepp Peskoller

Beide das zentrale Thema der Mobilität aus ganz unterschiedlichen Perspektiven thematisierenden Projekte – die Autobuslinie für die gehobene Gesellschaft und der Buresch-Stollen für die Arbeiterschaft – waren eng mit den radikalen Änderungen des politischen Systems in Österreich und Deutschland Anfang der 1930er Jahre verbunden. Denn Verkehr ist immer „ein Spiegelbild der Gesellschaft“.

Zwei Wochen im Stollen arbeiten für eine Busfahrt

Der Austrofaschismus ließ sich seine motorisierte Heimat-Propaganda im Halltal – und nicht nur dort – teuer bezahlen, musste doch der Ausbau des Inlandstourismus ab 1933 insgesamt dazu dienen, den schweren Schaden, den die Nazis nur wenige Wochen nach der Machtergreifung in Berlin mit ihrer 1000-Mark-Sperre gegen Österreich angerichtet hatten, irgendwie in den Griff zu bekommen. Jeder Deutsche auf der Fahrt in einen Österreich-Urlaub musste nämlich seit Mai 1933 an der deutsch-österreichischen Grenze ein Visum beantragen, für das er eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zu hinterlegen hatte. Und gerade die Tiroler Wirtschaft, die sich damals schon ganz und gar dem Geschäft mit dem (deutschen) Gast ausgeliefert hatte, erlitt dadurch innerhalb kürzester Zeit immensen Schaden. Heute sind vor allem die politischen Folgen dieses Boykotts interessant. Historiker beschreiben sie so: „Der Unmut der von der „Sperre“ betroffenen Bevölkerung richtete sich aber paradoxerweise vor allem gegen die Dollfuß-Regierung – und Hitler erzielte sogar einen Popularitätsgewinn.“

Das Faschismusangebot war damals nämlich groß – nicht nur im Norden mit dem Oberösterreicher Hitler, sondern auch im eigenen Land mit dem Niederösterreicher Dollfuß und im Süden mit dem Vorreiter und Vorbild von allen, dem Duce Mussolini. Diesem Angebot entsprechend war auch die Konkurrenz unter den Faschisten groß und oft auch blutig: Wenige Monate nach Hitlers Erfolg in Deutschland zog Dollfuß nach und schaltete im März 1933 die Demokratie in Österreich aus. Aber politisch-militärisch verbündet waren die österreichischen „Hahnenschwanzler“ nicht mit den braunen Horden im Norden, sondern mit den Schwarzhemden im Süden – seine Südtirol-Politik war selbst für die Tiroler Autoritären kein Problem. Und so steuerte auch Österreich unter Engelbert Dollfuß ab 1933 bis ins hinterste Dorf bewaffnet und bewacht von Heim- und Heimatwehr auf einen hausgemachten „grünen“ oder Austro-Faschismus zu. Der kämpfte und wütete aber keineswegs nur auf dem Feld des Symbolischen, auch die Mobilität wurde zu einem zentralen Aktionsfeld des Faschismus.

Faschismus – Mobilisierung auf und mit der Straße

Wenn es um die Jahre 1933 bis 1938 in Österreich geht, ist daher auch vom massiven Ausbau Österreichs zum „Land der Aussichtsstraßen“ die Rede. Ein zentrales Datum dafür war der 3. August 1935, an dem Österreich sich mit patriotischem Pomp international beachtet als kleines Alpenland inszenierte, das noch immer zu nationalen Großtaten – in diesem Fall im Straßenbau – fähig war: Noch in der Republik 1930 begonnen, eröffnet die autoritäre Regierung 1935 eine Attraktion, die als bombastischer Erfolg und Ausdruck des dynamischen und autoritären „Ständestaates“ 48 steile Kilometer tief in die Berglandschaft ragte: die Großglockner-Hochalpenstraße. Eine von zwei Stichstraßen führt von dort sogar direkt zum Pasterzengletscher unterhalb des mit 3.798 Metern höchsten Berg des Landes. In seinem Buch über diese als politisches „Monument“ inszenierte Straße schreibt der Historiker Georg Riegele: „Automobilisierung und Straßenbau nahmen im Österreich der … dreißiger Jahre eine eigentümliche Entwicklung, die durch zwei Besonderheiten gekennzeichnet war: Erstens herrschte eine von der gesamtwirtschaftlichen Krisensituation abweichende Binnenkonjunktur des Automobilsektors, die im Jahr 1934 einsetzte und die unter anderem mit der Förderung des Automobilismus durch das autoritäre Dollfuß/Schuschnigg-Regime erklärt werden kann. Die zweite Besonderheit war die Betonung des landschaftsästhetischen Straßenbaus und einer feierlichen, von der ökonomischen Rationalität des Alltags befreiten Automobilkultur.“

Feierliche Automobil-Einkehr auch im Halltal

Was unter einer „von der ökonomischen Rationalität des Alltags befreiten Automobilkultur“ zu verstehen ist, macht ein Bericht in den „Tiroler Nachrichten“ im Juni 1934 klar. Der Text-Kontext wiederum charakterisiert eindrücklich die politischen Zeitumstände: „Wieder drei Todesurteile in Deutschland“, „Ein  Kasperltheater als Nazi-Sprengstofflager“, „Zwei Nazi gestehen das Lieferinger Bombenattentat ein“ … so lauten die  Schlagzeilen in dieser Ausgabe vom 20. Juni 1934. Die mit „Besuch im Salzbergwerk“ betitelte Pädagogen-Poesie liest sich dann so: „Über Einladung des Landesverkehrsamtes nahmen … zahlreiche Persönlichkeiten des Schuldienstes an einer Besichtigung des Salzbergstollens teil. Ein Sommertag voll seltener Wärme und Bläue war dieser überaus interessanten und wertvollen Exkursion beschieden. In gleichmäßigem Tempo bezwang der schwere Postkraftwagen die steile Höhe der Salzbergstraße. Links und rechts ein wechselvolles Bild wilder Naturschönheit mit all den poesievollen Reizen romantischer Bergeinsamkeit. Jeder Quell, jede Felsklippe, die zum Greifen nahe sich uns zeigte, wird hier zur Ode an den Schöpfer und fordert in ihrer Ruhe und Majestät zu besinnlicher Einkehr. Die Worte eines geistlichen Liedes: „Näher, mein Gott, zu dir!“ finden in diesem gewaltigen Dom der Natur ihre ganz besondere Bedeutung.“

Bis zum Mitterberg, dem dritthöchsten Stollen am Salzberg, führten die Werbefahrten für eine „Heimat“, die viele damals schon viel eher im Dritten Reich gesehen haben. Foto: Archiv Sepp Peskoller

F.A.D. unter Tag – Fremdenverkehr über Tag

Die „Ode an den Schöpfer“ sowie die „Ruhe und Majestät zu besinnlicher Einkehr“ sollte im 1933 anbrechenden Austrofaschismus nicht mehr durch den Anblick von in der Bergeinsamkeit lebenden und arbeitenden Bergleuten gestört werden. Harte profane Arbeit am Salzberg sollte verschwinden. Gottfried Zanger, ein ehemaliger Pfannhauser aus Absam, schrieb vor Jahren über den – spätestens 1936 nach drei Jahren Bauzeit bereits gescheiterten – Thaurer Stollenzugang ins Halltal: „Dabei dachte man sicher nicht allein an das Wohl der Arbeiter, sondern auch an Einsparungen dadurch, daß die Arbeiter nicht mehr jede Woche von Montag bis Freitag am Arbeitsplatz verpflegt und untergebracht werden müßten.“ Welches Tourismus-Potential man dagegen damals im Halltal vermutete, zeigt eine kurze Zeitungsmeldung im „Tiroler Anzeiger“ über das F.A.D. Arbeitsdienst-Lager in Hall im Herbst 1933. „Das Lager Hall i. T., im September 1933 errichtet, führte im Winter eine großzügige Innregulierung durch, nahm Mitte Mai den Ausbau der Bundesstraße Hall-Aldrans in Angriff und hat diese Straße dem Autoverkehr bereits übergeben. Der Niedergang einer 70.000 Kubikmeter umfassenden Mure im Halltal zerstörte die für den Fremdenverkehr so wichtige Salzbergstraße … Das Arbeiterlager Hall hat in 14tägiger unermüdlicher Arbeit und Ausdauer die enormen Schottermassen fortgeräumt, die Salzbergstraße gründlich wiederhergestellt, den Wildbach in ein neues, sicheres Bett geleitet und damit großen Schaden … abgewendet.“

Faschismus ist ohne Propaganda undenkbar – so wie hier prominent unten an der Haller Straße in Thaur. Foto: Archiv Sepp Peskoller

Voraussetzung für den Einsatz des F.A.D. auf den Thaurer Baustellen waren jedoch die ersten sozialpolitischen Verordnungen des ab März 1933 per Kriegswirtschaftlichem Ermächtigungsgesetz KwEG regierenden Dollfuß-Regimes. „Zur Förderung der Arbeitsbeschaffung und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit“ wurden beispielsweise Arbeiter bei öffentlichen Bauten – wie dem in Thaur – von Kollektivverträgen ausgenommen. Die auf den Baustellen des F.A.D. Beschäftigten standen in keinem regulären Dienstverhältnis, was bedeutete, dass die Saline als Bauherr keine Sozialabgaben wie für die Arbeitslosenversicherung abführen musste. Wer den Job am Fuchsloch jedoch verlor, stand ohne Unterstützung als so genannter Ausgesteuerter da. Noch im Dezember 1933, kurz nach Baubeginn in Thaur am 14. November, wurden Betriebsräte aufgelöst und wenige Wochen später, am 2. März 1934, dem christlich-konservativen Einheitsgewerkschaftsbund zur Macht verholfen, um – so die Präambel – „im Geist des Christentums und Liebe zum Vaterland den berufsständischen Aufbau der Gesellschaft vorzubereiten.“ Gemeint war der christlich-soziale autoritäre Ständestaat der Heimwehrler, in dessen sozialpolitischem Zentrum stand, das Mitbestimmungsrecht der Arbeiterschaft in vielen Bereichen so weit wie möglich zu beschneiden bzw. abzuschaffen.

Die unausgebildeten aber „vaterlandstreuen“ jugendlichen Arbeitskräfte sollten der Saline rund 40 Prozent der Baukosten für den Thaurer Unterfahrungsstollen ersparen. Foto: Archiv Sepp Peskoller

Text: Matthias Breit
Bilder: Archiv Sepp Peskoller

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