„Drum wünsche ich für jeden Fall, ein freies Absam ohne Hall“

Aus dem Haller Stadtteil Absam vor 80 Jahren:

Zwischen Dorfstolz, politischem Tauziehen und einer gehörigen Portion Widerstandsgeist: Die Geschichte Absams unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg liest sich stellenweise wie ein Tiroler Politthriller. Als das Dorf 1938 unter nationalsozialistischer Herrschaft nach Hall eingemeindet wurde, war das für viele Absamerinnen und Absamer mehr Zwang als Gemeinschaft. Doch schon wenige Jahre später regte sich Widerstand. Laut, entschlossen und mit scharfen Worten. Eine „Denkschrift“ von 1946 zeigt eindrucksvoll, wie erbittert um Selbständigkeit und Eigentum gekämpft wurde, sie erzählt von „Vermögensverschleuderung“, politischen Machtspielen und dem unbeugsamen Wunsch, wieder ein freies Absam zu werden.

Vor 80 Jahren, im Juli 1946, ist im Haller Stadtteil Absam eine „Denkschrift zur Wiedererrichtung der selbständigen Dorfgemeinde Absam“ erschienen. Für den Inhalt verantwortlich zeichnete der Absamer Karl Zanger. Vorausgegangen war der gedruckten Absamer Argumentation eine Versammlung am 19. März 1946, bei der „in Gegenwart der namhaften Vertreter der Oesterreichischen Volkspartei sowie der Sozialistischen Partei (mit Landtagsabgeordnetem Florian Würtenberger und Vizebürgermeister Weigand)“ folgende Entschließung einstimmig formuliert wurde: In Absam soll „eine geschlossene, geheime Abstimmung über die Wiederherstellung der Selbständigkeit der Gemeinde Absam als Ganzes stattfinden“, denn das Dorf soll nach seiner „Eingemeindung“ nach Hall im Nationalsozialismus endlich selbständig wiedererstehen.

Innsbrucker Nachrichten, 6. Februar 1937: Seit Wochen ist in den Zeitungen immer wieder davon zu lesen, dass die Tiroler Landesregierung „Eingemeindungen“ rund um Innsbruck, Hall und Schwaz plane.

Anschluss vor dem Anschluss?

Schon die autoritären Vorgänger der Nationalsozialisten, die Austrofaschisten, träumten 1937 davon, kleine Gemeinden im Umland von hoch verschuldeten Städten in „Großgemeinden“ zum Verschwinden zu bringen. Konkret wurde das zum Beispiel Ende 1936 im Innsbrucker Landhaus überlegt. Die „Innsbrucker Nachrichten“ berichteten am 2. Februar 1937: „Durch die Einbeziehung der ländlichen Nachbargemeinden der Städte Innsbruck, Hall und Schwaz sollten Großgemeinden geschaffen werden‚die sich besser bewirtschaften lassen und es den verschuldeten Städten ermöglichen, ihre Schuldenlast leichter abzutragen.“

Eine dieser „Nachbargemeinden“ war 1937 offenbar Absam, das aber in einer ersten Denkschrift gegen seine „Zusammenlegung“ mit Hall Position bezog. Dort hieß es: „Zur Beruhigung kann zunächst festgestellt werden, daß eine solche Zusammenlegung gegen den Willen auch nur einer beteiligten Gemeinde nach Paragraph 9 der geltenden Tiroler Gemeindeordnung nicht kurzweg verfügt werden kann.“ Nach dieser rechtlichen Klarstellung ging Absam auf die konkreten Pläne der Degradierung des Dorfs zum „Stadtteil von Hall“ ein. „Die Nachbargemeinden Halls, die auf einen vorbildlichen eigenen Haushalt hinweisen können, müssen schon den bloßen Gedanken einer solchen Zusammenlegung als schwerste Ungerechtigkeit empfinden. Wohin kommen wir denn, wenn es Schule macht, daß die Kosten von Fehlberechnungen einfach Dritten auferlegt werden, die gänzlich unbeteiligt sind?“ Wie es sich für eine Denkschrift gehört, machte Absam drastisch auf die zu erwartenden Folgen der ungefragten „Ausdehnung“ der finanziell ausgehungerten Städte wie Hall oder Schwaz aufmerksam: „Nun kann man anderwärts die ‚Vorteile‘ der zwangsweisen Zusammenlegung täglich beobachten. Verteuerte Verwaltung, der Einspruch des Amtsschimmels in die simpelsten Alltagsdinge, die man früher mit dem Vorsteher durch zwei Worte ordnen konnte, viel Zeitverlust durch lange Wege sind die Folge.“ Im Frühjahr 1937 war es Absam mit seinem forschen Auftreten also noch gelungen, den Gerüchten von der „zwangsweisen Verstädterung des Dorfes“ entschieden entgegenzutreten.

Innsbrucker Nachrichten, 12. Februar 1937: Absam reagiert sofort auf die Gerüchte und verfasst eine umfassende „Denkschrift“ gegen seine „Eingemeindung“ nach Hall. Ein Jahr später, im September 1938, realisieren allerdings die Nazis die bereits im Austrofaschismus gewälzten Pläne: Absam wird es ab 30. September 1938 nur noch als einen Stadtteil von Solbad Hall geben. Heiligkreuz wird ebenfalls „einkassiert“ werden.

„Vereinigungskränzchen“ in Heiligkreuz

Faschingsscherze greifen oft genau jene Gedanken und Spannungen auf, die im Alltag unausgesprochen bleiben. Gerade deshalb können Faschingsscherze mehr sein als bloße Unterhaltung: Sie geben auf indirekte Weise Auskunft über die Realität, über Tabus, Konflikte und das, was Menschen tatsächlich beschäftigt. Ein solcher Scherz aus dem Jahr 1927 mag symptomatisch gewesen sein, zeigt er doch, dass Expansionspläne Richtung Westen und Norden bereits in den 1920er Jahren durch die Köpfe von Lokalpolitikern gegeistert sein mögen. In einer Notiz im „Haller Lokalanzeiger“ aus dem Fasching 1927 heißt es vom „Vermessungsamt der Freistadt Heilig-Kreuz“, dass die kommissionelle Vermessung „betreffs Vereinigung“ von Hall mit Heilig-Kreuz am Unsinnigen Donnerstag beim Grenzstein Breitweg-Hall ihren Anfang nehmen wird. „Das Festbankett mit anschließendem Vereinigungskränzchen wird abends im Gasthof zur Thresl in Heiligkreuz abgehalten“. Elf Jahre später war aber schon Schluss mit lustig.

Nationalsozialistisch bis zum Issjoch: der Haller Stadtteil Absam. Foto: Archiv Gemeindemuseum Absam

Erst unterm Hakenkreuz setzte sich Hall durch

Mit den ständestaatlichen Plänen als eine Art Blaupause konnten aber erst die Nazis eine „Großgemeinde Hall“ errichten. „Der Weg für Halls Entwicklung frei“ titelte dementsprechend am 18. November 1938 die „Neueste Zeitung“. Im germanischen Jubelton konnte man dort unter der Überschrift „Die Eingemeindung von Absam und Heiligkreuz vollzogen – Nächtliche Kundgebung“ lesen: „Froh gesinnt zogen die Haller – mancher Erbeingesessene wohl auch mit stolzgeschwellter Brust – unter den Klängen der Stadtkapelle und der Salinenmusik am Donnerstag abends über die alten Gemarkungen der Stadt hinaus nach Absam, um an der Eingemeindungsfeier teilzunehmen. Auf einem weiten, fahnengeschmückten und durch Scheinwerfer erhellten Platz beim Gasthaus ‚Bogner‘, der von einer vielhundertköpfigen Menge eingesäumt war, nahmen die Parteigliederungen und die Musikkapellen Aufstellung. Nach dem Fahneneinmarsch begrüßte Ortsgruppenleiter Mühlreiter den Kreisleiter Pg. [Pg. = Parteigenosse] Hanak, den Bezirkshauptmann Pg. Doktor Hirnigel, den Kreisstab und den Bürgermeister von Solbad Hall Ing. Bauer.“

In der 2025 publizierten „Stadtchronik Hall“ fand Dr. Franz Egger schon deutlichere Worte: „Am 17.11. werden die Gemeinden Absam und Heilig Kreuz in den Gemeindeverband von Hall eingegliedert. Ein Fackelzug nach Absam wird veranstaltet. Die Absamer müssen kuschen.“ Nur wenige Zeilen weiter hält Egger fest: „Gegen Bgm. Bauer entwickelte sich bald in der Partei eine Opposition, die ihn beim Gauleiter verschwärzte. Wenn Bgm. Bauer bei seiner Antrittsrede sagte, er werde sich gegen Widerstände zu wehren wissen, so meinte er die in der Partei. Der Widerstand richtete sich hauptsächlich gegen den Bau des Schwimmbades, das Bauer in Gemeinschaftsbau aller Haller und mit den Spenden derselben errichten wollte. Als nach vier Monaten 9000 RM [Reichsmark] eingegangen waren, war Bauer enttäuscht, wurden ja die Kosten auf 250.000 RM veranschlagt. Zur Beschaffung der nötigen Mittel wurde der Verkauf von Häusern aus Gemeindebesitz von Hall und Absam, das am 7.11.39 eingemeindet worden war, in Aussicht genommen.“ (Aus: Elisabeth Walder, KZ-Dachau Häftlingsnummer 14354)

Und auch als Hall im Jahr 2011 zahlreiche Absamer Aktenbestände aus den Jahren 1938 bis 1947 retournierte, erklärte der damalige Haller Bürgermeister Hannes Tratter: „Tatsächlich hat der damalige Nazi-Bürgermeister Gebäude verkaufen lassen, um mit dem Erlös für die NSDAP Repräsentationsbauten errichten zu lassen.“

Mit dem Gauleiter aus der Illegalität gut bekannt war Halls Bürgermeister Heinz Bauer, der auch Mils und Gebiete südlich des Inns eingemeinden wollte. Foto: Archiv Gemeindemuseum Absam

„Vermögensverschleuderung“

In der Denkschrift vom Juli 1946 wird der „Vermögensverschleuderung“ seit der Eingemeindung ein eigenes kurzes Kapitel gewidmet, in dem es um die „dauernde Schädigung, die Absam durch den Verkauf von Gemeinde-Haus und -Grundbesitz nach dem Anschluß an Hall erlitten hat“, geht. „Im Eigentum Absams stand vorher das Versorgungsheim [= Armenhaus in der Fanggasse], das eigentliche Gemeindehaus mit Dienstwohnungen und Kanzleiräumen [=altes Gemeindeamt an der Ecke Dörfer- und Krippstraße], das ‚Klösterle‘ mit Wohnungen der Lehrerschaft, die Villa ‚Benedikta‘ für Privat- und Dienstwohnungen. Unbegreiflicherweise wurden diese Baulichkeiten besten Zustandes von der nationalsozialistischen Stadtverwaltung zu Schleuderpreisen veräußert, so daß Absam heute beinahe keinen Gebäudebesitz mehr aufweist. Absam muß mit allen Mitteln bestrebt sein, diese Schädigung durch Rückkauf oder Ersatzleistung wiedergutmachen zu lassen.“

Haller Wiedergutmachung nur gegen Absamer Verzicht

Das Absamer Komitee, das sich im März 1946 gebildet hatte, war zum Zeitpunkt der Publikation der Denkschrift offenbar schon in Verhandlungen mit der Stadt Hall über einen Weg zurück zu einer eigenständigen Gemeinde Absam. Daher wird den „Wiedergutmachungsvorschlägen der Stadt Hall“ ein eigenes Kapitel gewidmet. Aber offenbar ging es vor allem um den Erhalt des Status quo: „Von der Stadt Hall wurde der ‚Gruppe von Absamer-Interessenten‘ Ende Februar 1946 ein Vorschlag zur Wiedergutmachung unterbreitet, der zur Voraussetzung hat, ‚daß die Gruppe von Absamer-Interessenten, die heute die Loslösung des Ortsteiles Absam von Hall anstrebt, auf weitere solche Bestrebungen endgültig verzichtet und in den heute bestehenden Zustand der politischen Gemeinsamkeit frei und uneingeschränkt einwilligt.“

Als Entgegenkommen für diese „Einwilligung in den bestehenden Zustand“ sollte in fünf Jahresraten eine auf der Basis der Verkaufserlöse von Absamer Gemeindebesitz errechnete Summe im Haller Stadtteil Absam investiert werden. Die „Gruppe von Absamer-Interessenten“ stellte dazu dramatisch und unmissverständlich fest, dass sie keineswegs bereit sei, „um das Linsengericht einer selbstverständlichen Wiedergutmachung die Freiheit und Selbständigkeit und die Eigenverwaltung Absams zu verkaufen.“

„Nichts liegt so klar wie dieser Fall: Wir wollen endlich los von Hall“

Wie nicht anders zu erwarten, hatten die Haller NS-Größen im Herbst 1938 die Eingemeindung von Absam und Heiligkreuz in einer „nächtlichen Kundgebung“ vor niemand anderem als dem „deutschen Geist“ feierlich verkündet. Alle zentralen NS-Propagandabegriffe mussten in der Nacht des 17. November 1938 vor dem Gasthaus Bogner in Absam herhalten, um mit „Deutschem Geist“ in Zukunft auch den alten Wallfahrtsort „zu beseelen“. Die „Neueste Zeitung“ berichtete am 18. November 1938 davon: „Bezirkshauptmann Pg. Dr. Hirnigel wies auf die Notwendigkeit hin, eine Großgemeinde Solbad Hall zu schaffen, da die bisherigen Grenzen des Kurortes eine gedeihliche Entwicklung unmöglich gemacht hatten. Es liege im Zuge nationalsozialistischer Gemeindepolitik, die vielgestaltige Zerrissenheit zu beseitigen und durch eine straffe einheitlich geführte Organisation zu ersetzen … Nach einem Glück auf! für die Zukunft der alten, nun groß gewordenen Bergmannstadt verlas der Bezirkshauptmann die Verordnung des Landeshauptmannes über die Eingemeindung und erklärte die Eingliederung als vollzogen.“

Damit waren Absam und Heiligkreuz zwei von insgesamt acht Gemeinden im Bezirk Innsbruck-Land (im NS-Jargon „Kreis“ genannt), die 1938 durch „Eingemeindung“ verschwunden waren. Dieser kommunalen Neuordnung vorausgegangen war aber der Prozess der Machtübernahme in den Gemeinden selbst. Bereits zwei Tage nach dem sogenannten Anschluss wurden die Bezirkshauptmannschaften von den neuen Machthabern in Innsbruck angewiesen, alle noch bestehenden Gemeindetage aufzulösen und mit den lokalen Nazis (Kreisleiter der NSDAP) Vorschläge für die Neubesetzung der lokalen Verwaltung zu erarbeiten. Bis man aber der neuen Obrigkeit genehme Personen ausfindig gemacht habe, sollten die vor dem Anschluss amtierenden Bürgermeister im Amt verbleiben. Die Historikerin Sabine Pitscheider schreibt dazu in einem Aufsatz über NS-Bürgermeister im Bezirk Innsbruck-Land 1938/39: „Die Realität hatte diese Weisung allerdings überholt, denn örtliche NS-Funktionäre hatten als kommissarische Bürgermeister in den meisten Gemeinden die Geschäfte übernommen. Viele der überstürzt eingesetzten Bürgermeister amtierten nur wenige Wochen oder Tage, wie etwa der Haller Silvio Jud, der schon am 18. März 1938 dem Rechtsanwalt Hans Angerer weichen musste.“

Jubelartikel in den Innsbrucker Nachrichten im November 1938: Hall grenzt endlich an Scharnitz.

Nicht deutsche Zucht, sondern banale Eifersucht

Nicht „deutsche Ordnung und Disziplin“ prägten also diese erste Phase des optimistisch mindestens auf tausend Jahre angelegten Reichs, sondern durch Begehrlichkeiten, Eifersüchteleien und Rachefeldzüge der lokalen Nazis mancherorts chaotisch ausartende Rangeleien. Sabine Pitscheider resümiert: „Mit ihnen war ein geordnetes Gemeinwesen, das der Bevölkerung Bruch und zugleich Kontinuität signalisierte und sie gewinnen wollte, nicht aufrechtzuerhalten.“

Und so „bestellte“ die BH Innsbruck-Land bereits Ende März 1938 innerhalb weniger Wochen neuerlich einen Haller Bürgermeister. Auf Jud und Angerer folgte im Mai der bereits dritte NS-Bürgermeister in Hall. Sabine Pitscheider charakterisiert ihn so: „Heinz Bauer, ausgewiesener Illegaler, vor dem Verbot der NSDAP [im Juni 1933] Redner bei NS-Versammlungen in ganz Tirol, nach dem Verbot vielfach wegen nationalsozialistischer Betätigung bestraft. Bauer war nicht nur jung und bewährter Nationalsozialist, er kam auch aus keiner der bis dahin die Geschicke der Stadt bestimmenden Haller Bürgerfamilien …“

Offenbar hatte Bauer aber beste Beziehungen zu dem am 24. Mai 1938 als Gauleiter eingesetzten Franz Hofer. Bereits fünf Tage später, am 29. Mai, besuchte Hofer seinen „treuen Kampfgefährten aus der Verbotszeit“ in Hall. Es war ein durchschnittlicher NS-Sonntag: Nach Massenversammlung im Kurpark, Rede vor Parteigenossen im Rathaus folgte kameradschaftliches Beisammensein in der Bretze. Womöglich ging es dort schon um Bauers Pläne für ein Groß-Hall, das weit über die Stadtgrenzen hinaus ausgedehnt werden sollte. Bereits vier Wochen später beantragte Bauer bei den Behörden in Innsbruck offiziell die Eingemeindung nicht nur von Heiligkreuz und Absam, sondern auch von Mils und von Gebieten südlich der Stadt. Schon 1937 war auch von Ampass als zukünftigen „Stadtteil von Hall“ gerüchteweise die Rede gewesen. Aber auch Gauleiter Hofer hatte an der Umgebung von Hall Gefallen gefunden. 1943 erwarb er von der für die Südtiroler Optanten 1939 gegründeten DUT (Deutsche Umsiedlungs-Treuhand GmbH), die unter der Leitung von Reichsführer SS Heinrich Himmler agierte, den Lachhof in Volders. Diesen Ansitz mit herrlichem Blick ins Inntal ließ er ab 1944 von Häftlingen des Gestapolagers Reichenau sogar mit einem Privatbunker ausbauen.

Von Absam zur Autobahn zur Wehrmacht

Es dauerte dann noch bis Ende September 1938, dass die „Vereinigung der Ortsgemeinden Absam und Heiligkreuz mit der Stadtgemeinde Solbad Hall in Tirol“ per Verordnung des Landeshauptmannes von Tirol über die Bühne ging. Zuvor hatte man schon dem Wunsch des 26 Jahre alten Parteigenossen Bauer entsprochen, und Hall mit dem Zusatz „Solbad“ als Kurstadt kenntlich gemacht. Im Aufsatz von Sabine Pitscheider findet sich in der Fußnote zur „Vereinigung“ noch ein Zusatz: „Im Mai 1941 wiederholte Bauer seinen Wunsch, das Gebiet südlich der Innbrücke, das teils zu Ampass, teils zu Tulfes gehörte, einzugemeinden. Der Landrat lehnte ab, da dieses Gebiet für die künftige Autobahn ausersehen war.“

Diese kurze Anmerkung zeigt, dass die 1938 in der „Ostmark“ vorgenommene tiefgreifende Neuordnung durchaus auch in einem größeren Zusammenhang zu sehen ist. Stand doch im Zentrum dieser Maßnahmen nicht bloß die Bedienung der Machtinteressen österreichischer Nazis, sondern oft genug bereits die deutsche Herrschafts- und Raumordnungspolitik für den im September 1939 in Gang zu setzenden Krieg.

Vor diesem Hintergrund ist die folgende Meldung aus dem neuen Haller Stadtteil Eichat zu lesen, die nur zehn Monate nach dem Ende des Dorfes im Juli 1939 in den „Innsbrucker Nachrichten“ abgedruckt war. Unter der Überschrift „Firstfeier bei den Arbeiterunterkünften an der Salzbergstraße“ berichtete die Zeitung am 22. Juli 1939: „Am Freitagnachmittag wurde am Aichat an der Salzbergstraße die Firstfeier der Arbeiterunterkünfte für Wehrmachtsbauten abgehalten. Dazu waren Vertreter von Partei und Wehrmacht sowie viele hundert Arbeitskameraden erschienen. … Nach einem Rundgang durch die Arbeiterunterkünfte, die den besten Eindruck hinterließen, wurde im Gasthaus ein Essen eingenommen. Das Musikkorps des Standorts sowie Volkstänzer und Schuhplattler sorgten für Unterhaltung, und alle an der Schaffung des Werkes Beteiligten verlebten frohe Stunden.“ Die 1939/40 in Eichat errichtete weitläufige Kaserne war dann bis 1945 wichtiger Bestandteil der Wehrmachtsinfrastruktur, die in und um Hall errichtet worden ist.

Neuordnung der deutschen „Neuordnung“?

Anfang Mai 1945 war dann auch in Solbad Hall Schluss mit Wehrmacht und mit ein Volk, ein Reich, ein Führer. Viele erhofften nach der Befreiung auch einen radikalen Bruch mit der vom NS-Regime vorgenommenen „Neuordnung“ von 1938. Sabine Pitscheider dazu: „Die Heiligkreuzer Bauern appellierten vergeblich an die Bezirkshauptmannschaft und die Landesregierung, die Eingemeindung mit Hall aufzuheben. In Arzl versuchten ebenfalls bäuerliche Vertreter, eine Ausgemeindung zu erreichen, scheiterten aber bei einer Volksabstimmung. Erfolgreich war Absam, das ab April 1947 wieder eine eigenständige Gemeinde war.“

Auch in Absam wurde eine Ausgemeindungs-Abstimmung angesetzt. In der Denkschrift vom Juli 1946 nimmt die politische Klasse von Absam eindeutig gegen die der Stadt Hall unterstellte Strategie der „Absprengelung von Absamer Gemeindegebiet“ schärfstens Stellung. Nachdem die Landesregierung Absam eine Abstimmung zugestanden hatte, fordere „Hall nun, um wenigstens teilweise durchzudringen, die Aufteilung in einzelne Sprengel und verlangt für jeden Sprengel (Absam-Dorf, Absamer Eichat und Absamer Villenviertel) eine gesonderte Abstimmung.“ Messerscharf argumentierte Absam dagegen, dass dieses Absprengeln bedeuten würden, „den Teil über das Ganze zu stellen. … Im bürgerlichen Leben würde niemandem einfallen, dem Kinde Befugnisse einzuräumen, die nur der Familie zustehen.“

Die Tiroler Tageszeitung berichtet am 16. Dezember 1946 aus Absam: 70 Prozent für Absam.

Absamer Geltungsbedürfnis schädigt Tirol?

Wenige Tage vor der Abstimmung in Absam, am 7. Dezember 1946, erschien dann in den Tiroler Nachrichten auf der Titelseite ein Kommentar „Zum Problem der Eingemeindungen“, den Edmund Georg Posch, Finanzreferent der Stadt Hall, verfasst hatte. Strategisch nicht besonders klug versucht er, die Abstimmung in Mißkredit zu bringen und den Betreibern der Ausgemeindung unlautere Motive zu unterstellen: „Vielfach wird die Wiederherstellung des früheren Rechtszustandes von den betroffenen Gemeinden weniger aus sachlichen Gründen, sondern mit dem Argument der ‚Wiedergutmachung‘ betrieben. Die Eingemeindungen seien gegen den Willen der betreffenden Bevölkerung erfolgt und dieses Unrecht müsse nun wieder gutgemacht werden … So bestechend diese Argumentation für den ersten Augenblick klingen mag, so ist sie doch für das praktische Leben unbrauchbar und deshalb unrichtig.“ So weit, so unsachlich. Aber Posch setzte aufs Neue an: „Sich dieser [seiner] Erkenntnis zu widersetzen, heißt, kleinliche Kirchturmpolitik betreiben ….“ Logisch folgert er für die Beurteilung der Absamer Motive: „Es spielen da nicht immer nur lokalpatriotische und historische Beweggründe, sondern vielfach auch das Geltungsbedürfnis von Personenkreisen eine Rolle.“ Zum Schluss macht Posch den Fortbestand von Groß-Hall noch zu einem ganz Tirol betreffenden Anliegen: „Das natürliche Ausdehnungsbedürfnis der Großgemeinde durch Erwägungen lokaler oder persönlicher Interessen eindämmen zu wollen, hieße, die Gesamtinteressen des Landes schädigen.“

Ohne Worte. Foto: Archiv Gemeindemuseum Absam

„Das Absamer Gatter wieder eingehängt“

Am 16. Dezember 1946 konnten die „Tiroler Nachrichten“ Folgendes berichten: „Für die Wiedererrichtung einer selbstständigen Gemeinde Absam haben 989 gestimmt, für Verbleib bei Hall 432. Es stimmten also für ein selbständiges Absam 70 Prozent, für den Verbleib bei Hall 30 Prozent. Die Wahlbeteiligung betrug 73 Prozent.“ Am 20. April 1947 fand dann eine Bürgermeisterwahl in Absam statt. Die Tiroler Tageszeitung hat am 21. April so über den neunen Absamer Bürgermeister berichtet:„Karl Zanger hat bereits während des Krieges sich immer für die Selbständigkeit Absams eingesetzt und sein Ausspruch‚ daß das Absamer Gatter wieder eingehängt würde, war allgemein bekannt.“

Den Aufstatz von Dr. Sabine Pitscheider finden Sie in: Horst Schreiber (Hg.), 1938 Der Anschluss in den Bezirken Tirols, Innsbruck 2018.

Matthias Breit

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